Mit einem ganztägigen Symposium in der Akademie der Künste am Pariser Platz bot „createurope“, das BpB (Bundesministerium für politische Bildung) und das Goetheinstitut am Dienstag (8.09.2009) Modeinteressierten einen umfassenden Einblick in die Begrifflichkeit von Mode und Identität. Mehr oder weniger wissenschaftlich füllten Vorträge, Podiumsdiskussionen, Filme und Präsentationen einzelner Modeprojekte, ein Programm ohne Pausen bis in den dunklen Abend hinein. Man war doch schon ziemlich erschlagen, wenn man noch ganz voll von Eindrücken des Tages, nach dem letzten Programmpunkt , dem „Korsakowabend zu Mode und Identität“ in das bunte abendliche Treiben des Pariser Platzes geriet. Das Resumée des Tages ist - Mode ist eben nicht nur ein kreativer Prozess, sondern in ihr verbirgt sich ein Kulturgut von sozialer, politischer, individueller, gesellschaftlicher und bisweilen sogar philosophischer Qualität. Mode ist Träger von Ideen, Widerstand, Konformität, Integrität, Identität, Mode ist Macht. Mode ist Kunst, ist Statement, ist Mittel zum Zweck. Mode ist politisch. Was darf Mode, was sagt Mode aus, wozu Mode? Wo/ wie entsteht Mode? Diese und mehr Aspekte wurden durchleuchtet und dokumentiert – mal interessant und informativ, mal weniger interessant bis langweilig, da es der Moderation dann doch nicht gelang, die Fragen so zu stellen, dass tiefgründiger bzw. überhaupt geantwortet werden konnte. Richtig spannend waren vier Aspekte des Tages. „Power to the people“ Der Vortrag des Journalisten Jeroen van Rooijen über den Laufsteg Straße – „Power to the people“ –zeigte, wie deutlich sich die Mode der großen Modedesigner im High Fashion Bereich, dem Glamour entzieht und sich dem Stilmix der Straße bedient. Interessante Blogs und Internetplattformen wurden vorgestellt. Rooijen kategorisiert die Modegenerationen nach Jahrzehnten und zeigte die wesentlichen Strömungen und modischen Revolutionen bis ins Jetzt. Die Straße als Laufsteg und nicht umgekehrt – vom Laufsteg auf die Straße. Es hat ein Wandel stattgefunden. Nicht die Modedesigner und Bedürfnisse der Reichen diktieren den Kodex der Mode, sondern das gemeine Volk mit seiner unglaublichen Kreativität und dem Drang/ Hang zur Authentizität im Individuum. Heute stehen nicht Statussymbole, Logomanien und Glamour im Vordergrund, sondern immaterieller Dimension ist das, was die Mode von heute prägt. Emotionalität, Individualität und ein relaxtes Images sind wichtiger als Status.  Sylvia Kadolsky (Esmod Deutschland), Ole Tillmann (Schauspieler u. Moderator), Dr. Ulrich Sacker (Leiter Goetheinstitut Lyon, Urheber des Projekts "createurope"), Eva Gronbach (Modedesignerin) Wenn einem dann die Diskussionen über Mode und Politik doch ein wenig flach erschienen und man sich nicht einig werden konnte, ob Lafontaines Ernsthaftigkeit durch kurzärmelige Oberhemden ins Wanken gerät oder Michelle Obamas ärmellose Kleider politischen Einfluss ausüben, ob Schlipse eine politische Aussage haben (haben sie), bis hin zur Schmerzgrenze des Erträglichen, als die absolute modische Nullnummer Claudia Roth (Grüne) zum Thema wurde (Sylvia Kadolskys Kommentar dazu „Sie mag wohl Farben“. Da wurde es dann doch ein wenig pamphletisch), konnte man sich in das Licht durchflutete Fashion Cafe zurückziehen und in Ruhe den Exponaten des Symposiums Aufmerksamkeit schenken.
REANIMATION – Wiederbelebungsmassnahmen Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi entwickelten in ihrer Diplomarbeit eben diese REANIMATION für Kleider. Nach Recherchen um Öko, Nachhaltigkeit und fairen Kleidern, war es ihnen über mit all dem Hype um Öko. Sie entwickelten kurzerhand ein System in dem alte Kleider gesammelt, codiert, zerlegt, neu kreiert, neu codiert und so dem Endverbraucher kredenzt werden. Kurz - Aus einem Mantel wird ein Kleid und ein Stück Kragen. Die Kleider werden zerlegt und durch neue Schnitte mit Einzelteilen anderer Kleider, zu einem anders designten neuen Kleidungsstück. Ist das Kleidungsstück, aus welchen Gründen auch immer, aufgetragen, kann der Träger es zurück in den Kreislauf geben, den es als völlig neues/anderes Kleidungsstück in High Fashion Qualität verlässt und einem neuen Träger eine neue Identität gibt. Zum einen ist die Geschichte des Ursprungskleides nachvollziehbar, zum anderen gehen Altkleider nicht nach Afrika, sondern werden wiederverwertet, aufgewertet – wie gesagt - reanimiert. www.schmidttakahashi.com mitumBACK – das zweite Mode-Kunstprojekt, das sich mit Altkleidern beschäftigt. Die Studenten Coelestine Engels, Markus Hafner und Christof Berthold aus Wien kauften aus Europa gespendete Altkleider in Tansania auf, ließen diese von fair bezahlten Näherinnen mit dem handgemachten Unikatlabel von mitumBACK versehen und reintegrierten die neu gelabelten Kleider auf dem westlichen Markt. In diesem Projekt zeigen sie auf wie relativ Preisgestaltung ist. Wie unsere Abfallprodukte erneut zu Geld gemacht werden. Wie afrikanische Konsumenten mit einem Kleidungsstück, das ursprünglich dort produziert, auf dem westlichen Markt verkauft, dort entsorgt bzw. gespendet, durch den Wiederkauf in Afrika erneut ausgebeutet werden. Ein sehr interessantes Projekt, was leider mit dem Ausverkauf der Kollektion endet. Aber immerhin einen Anstoß gibt, darüber nachzudenken, ob wir wirklich so mildtätig sind, wenn wir Kleider dem Container überlassen. http://mitumback.net Mit einer interaktive Talkshow, mit zwei geladenen Gästen, dem Publikum und eingespielten Videoclips, mit Interviews von Sven Marquardt (Fotograf und Türsteher/ Bilder von ihm waren im KGM "In Grenzen Frei" zu sehen), Tim Renner (Musikproduzent) und der plastischen Chirurgin Ursula Tanzella-zum Thema Mode und Identität, endete ein sehr interessanter Tag unter dem Aspekt "was ist Mode mehr als nur ein Kleid".
Das Programm war voll - fast zu voll, denn es gab kaum Möglichkeiten des Austausches zwischen Referenten und anderen Beteiligten. Aber - wir sind gespannt auf das nächste Symposium von "createurope" - zur theoretischen Auseinandersetzung zum Thema Mode. Text & Foto: S. Beckmann/ Modesearch |